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| Die Reformation - Die Suche nach Gott auf neuen Wegen |
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„DAS
Tragische an der
mittelalterlichen Kirche war, dass sie nicht mit der Zeit ging. . . .
Da fehlte
es an fortschrittlichem Denken und an jeder geistlichen Führung.
Sie war
rückschrittlich und dekadent, verderbt an Haupt und Gliedern.“
Dieses Urteil
wird in dem Buch The Story of the Reformation
über die mächtige römisch-katholische Kirche
gefällt, die vom 5. bis zum 15.
Jahrhundert u. Z. den größten Teil Europas beherrschte. Wie
kam es, dass die römisch-katholische
Kirche ihre überragende Machtstellung verlor und dekadent und
verderbt wurde?
Wie kam es, dass es das Papsttum, das die apostolische Nachfolge
beansprucht,
an jeder „geistlichen Führung“ fehlen ließ? Und wohin
führte dieses Versagen?
Um eine Antwort zu erhalten, müssen wir kurz untersuchen, was
für eine Kirche
sie geworden war und welche Rolle sie bei der Suche der Menschheit nach
dem
wahren Gott gespielt hat. Die Kirche auf
dem Tiefpunkt Am
Ende des 15.
Jahrhunderts war die katholische Kirche mit den Pfarrgemeinden und den
Klöstern
in ihrem ganzen Gebiet die reichste Grundbesitzerin ganz Europas. Es
wurde
berichtet, dass ihr in Frankreich und Deutschland die Hälfte des
Bodens gehörte
und in Schweden und England mindestens zwei Fünftel. Was war die
Folge? „In den
letzten Jahren des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts entfaltete
Rom eine
ungeheure Pracht, und zeitweilig genoss das Papsttum große
politische
Bedeutung“, heißt es in dem Buch A History of
Civilization.
Dieser Glanz hatte jedoch seinen Preis, und um ihn zu erhalten, musste
der
Papst neue Wege der Geldbeschaffung finden. Der Historiker Will Durant
beschreibt einige dieser Wege: „So
musste man als Entgelt
für die Berufung zu einem geistlichen Amt als Antrittsgebühr
die Hälfte des ersten
Jahreseinkommens und dann alljährlich ein Zehntel desselben an die
Kurie — den
päpstlichen Verwaltungsapparat — entrichten. Das Pallium — das
weißwollene
Band, das als Zeichen der erzbischöflichen Würde über
dem Messgewand getragen
wird — kostete einen neu ernannten Erzbischof eine hohe Gebühr.
Starb ein
Kardinal, Erzbischof, Bischof oder Abt, so fiel sein gesamter
persönlicher
Nachlass an den päpstlichen Stuhl. . . . Für jede
Vergünstigung und jedes
Urteil erwartete die Kurie eine Gegenleistung, und gerichtliche
Entscheide
hingen nicht selten von deren Höhe ab.“ Die
großen Summen, die Jahr
um Jahr in die Kasse der Kurie flossen, führten schließlich
zu schlimmen
Missständen und zu Korruption. Es kursierte das Wort: Nicht einmal
ein Papst
kann mit Pech hantieren, ohne sich die Finger zu beschmieren. In dieser
Zeit
wurde die Kirche, wie ein Historiker sich ausdrückte, von „einer
Reihe
ausgesprochen weltlich gesinnter Päpste“ regiert. Zu diesen
Päpsten zählten Sixtus IV. (Papst von 1471
bis 1484), der für den Bau der
nach ihm benannten
Sixtinischen Kapelle und die Bereicherung seiner vielen Neffen und
Nichten
große Summen ausgab; Alexander VI. (Papst von
1492 bis 1503), der
berüchtigte Rodrigo de Borja (Borgia), der sich öffentlich zu
seinen
unehelichen Kindern bekannte und sie förderte; Julius II.
(Papst
von 1503 bis 1513), ein Neffe von Sixtus IV., er beschäftigte sich
mehr mit
Kriegen, der Politik und der Kunst als mit seinen kirchlichen Aufgaben.
Mit
vollem Recht konnte der niederländische Gelehrte Erasmus, selbst
Katholik, im
Jahre 1518 schreiben: „Die Schamlosigkeit der römischen Kurie hat
ihren Gipfel
erreicht.“ Aber
nicht nur die Päpste
waren korrupt und unsittlich. Damals hieß es allgemein: „Wer
seinen Sohn
zugrunde richten will, der lasse ihn Priester werden.“ Das wird durch
zeitgenössische Berichte bestätigt. Nach Durant betrug der
Anteil der
geistlichen Sünder, die 1499 in England wegen Unkeuschheit vor
Gericht
erschienen, „etwa 23 Prozent aller Angeklagten, obgleich die
Geistlichen nur
etwa 2 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. Es gab
Beichtväter, die an
ihre weiblichen Beichtkinder unkeusche Zumutungen stellten. Die Zahl
der
Priester, die sich Konkubinen hielten, ging in die Tausende; in
Deutschland
hatte fast jeder Geistliche eine Beischläferin.“ (Vergleiche 1.
Korinther
6:9-11; Epheser 5:5.) Auch auf anderen Gebieten kam es zu
Entgleisungen. Ein
Spanier, der in jener Zeit lebte, soll sich wie folgt beschwert haben:
„Die
Diener Christi machen fast alles nur gegen Geld; die Taufe kostet Geld
. . .
die Trauung kostet Geld, die Beichte kostet Geld — ja sogar die Letzte
Ölung
kostet Geld. Sie läuten die Glocken nur gegen Bezahlung, sie
begraben Tote nur
gegen Bezahlung. Es sieht so aus, als wäre den Armen, die kein
Geld haben, das
Paradies verschlossen.“ (Vergleiche 1. Timotheus 6:10.) Der
Zustand, in dem sich
die katholische Kirche zu Beginn des 16. Jahrhunderts befand, wird in
den
Worten Machiavellis, eines berühmten italienischen Philosophen
jener Zeit, wie
folgt umrissen: „Wäre
von den Häuptern der
christlichen Republik unsere Religion erhalten worden, wie sie der
Stifter gab,
so würden die christlichen Staaten und Länder viel
glücklicher sein als jetzt.
Allein, wodurch ließe sich mit mehr Sicherheit auf ihr Sinken
schließen, als
wenn man sieht, daß die Völker, welche der römischen
Kirche, dem Haupte unserer
Religion, am nächsten sind, am wenigsten Religion haben?“ Erste Bemühungen um
eine Reform
Wäre
die Kirche ernsthafter
darangegangen, „Hausputz“ zu machen, hätte es vielleicht keine
Reformation
gegeben. Die Rufe nach Reformen aus den eigenen Reihen und von
außerhalb waren
jedoch nicht mehr zu überhören. Im 11. Kapitel wurde bereits
über die Waldenser
und die Albigenser gesprochen. Man verdammte sie zwar als Ketzer und
rottete
sie auf grausame Weise aus, aber sie hatten das Volk
wachgerüttelt, so dass es
sich mit den Missständen unter dem katholischen Klerus nicht mehr
abfand; auch
weckten die „Ketzer“ im Volk den Wunsch, zur Bibel zurückzukehren.
Diese
Strömung führte zum Auftreten einer Anzahl von
Vorreformatoren. Proteste aus den eigenen
Reihen John Wyclif (1330 [?]
bis 1384), oft als „Morgenstern der Reformation“ bezeichnet, war
katholischer
Priester und Wyclif
sprach besonders scharf
gegen die Nachlässigkeit der Kirche, das Volk in der Bibel zu
unterweisen.
Einmal sagte er: „Wollte Gott, dass jede Pfarrkirche dieses Landes eine
gute
Bibel hätte und gute Auslegungen des Evangeliums und dass die
Priester sie
sorgfältig lesen und das Volk wirklich das Evangelium und die
Gebote Gottes
lehren würden.“ Deshalb begann Wyclif in den letzten Jahren seines
Lebens, die
Vulgata ins Englische zu übersetzen. Mit der Unterstützung
seiner Freunde,
besonders des Nikolaus von Hereford, schuf er die erste
vollständige Bibel in
englischer Sprache. Das war zweifellos Wyclifs größter
Beitrag zur Suche der
Menschheit nach Gott. Die
Schriften Wyclifs und
Teile der Bibel wurden von Predigern, die als „arme Priester“
bezeichnet
wurden, weil sie einfach gekleidet waren, barfuß gingen und ohne
materiellen
Besitz waren, in ganz England verbreitet. Man nannte sie auch
spöttisch
Lollarden; das Wort stammt von dem mittelniederländischen Wort Lollaerd
(„einer, der Gebete oder Hymnen murmelt“) (Brewer’s Dictionary
of Phrase and Fable). In dem Buch The
Lollards
heißt es: „Schon nach wenigen Jahren waren sie ziemlich
zahlreich.“ „Man
schätzte, dass mindestens ein Viertel des Volkes diese Gedanken
direkt oder
indirekt unterstützte.“ All das blieb der Kirche natürlich
nicht verborgen.
Wyclif genoss bei den Regierenden und den Gelehrten großes
Ansehen, was
erklärt, daß er in Frieden sterben durfte, und zwar am
letzten Tag des Jahres
1384. Seine Nachfolger kamen nicht so gut davon. Zur Zeit der
Herrschaft des
englischen Königs Heinrich IV. wurden sie als Ketzer gebrandmarkt,
und viele
wurden eingekerkert, gefoltert oder verbrannt. Stark
beeinflusst von John
Wyclif wurde auch der aus Böhmen (Tschechoslowakei) stammende Johannes
Hus
(1369 [?] bis 1415), ebenfalls katholischer Priester und zudem auch
Rektor der
Universität in Prag. Wie Wyclif, so predigte auch Hus gegen die
Verderbtheit
der katholischen Kirche und legte großen Nachdruck auf das Lesen
der Bibel.
Dadurch zog er sich rasch den Zorn der Hierarchie zu. Im Jahre 1403
wurde ihm
von der Obrigkeit verboten, über die papstfeindlichen Ideen
Wyclifs zu
predigen, auch wurden die Bücher Wyclifs öffentlich
verbrannt. Hus fuhr jedoch
fort, kirchliche Bräuche wie den Ablasshandel aufs schärfste
zu verurteilen. Im
Jahre 1410 wurde über ihn der Kirchenbann ausgesprochen. Hus
stand kompromisslos für
die Bibel ein. „Sich gegen einen irrenden Papst aufzulehnen heißt
Christus
gehorchen“, schrieb er. Auch lehrte er, dass die wahre Kirche nicht der
Papst
und die Hierarchie sei, sondern „alle Erwählten, der symbolische
Leib Christi,
dessen Haupt Christus ist, und die Braut Christi, die er aus
großer Liebe mit
seinem eigenen Blut erlöst hat“. (Vergleiche Epheser 1:22, 23;
5:25-27.) Wegen
all dieser Lehren musste er sich auf dem Konzil von Konstanz
verantworten und
wurde dann als Ketzer verurteilt. Er erklärte, es sei besser, wohl
zu sterben,
als böse zu leben, und weigerte sich zu widerrufen. So wurde er im
Jahre 1415
auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das gleiche Konzil befahl auch,
Wyclifs Gebeine
auszugraben und zu verbrennen, obschon er bereits über 30 Jahre
tot und
begraben war. Ein
weiterer Vorreformator
war der Dominikanermönch Girolamo Savonarola
(1452—1498) vom
Kloster San Marco in Florenz (Italien). Erfasst vom Geist der
italienischen Renaissance,
predigte Savonarola gegen die Verderbtheit der Kirche und des Staates.
Er
behauptete, sich auf die Heilige Schrift zu stützen sowie auf
Visionen und
Offenbarungen, die er angeblich erhalten hatte, und strebte danach,
einen
christlichen Staat oder eine theokratische Ordnung zu errichten. Im
Jahre 1497
wurde er vom Papst exkommuniziert. Im darauffolgenden Jahr wurde er
verhaftet,
gefoltert und gehenkt. Seine letzten Worte waren: „Mein Herr starb
für meine
Sünden; sollte ich da nicht mit Freuden mein armseliges Leben
für ihn
dahingeben?“ Sein Leichnam wurde verbrannt und die Asche in den Arno
gestreut.
Savonarola sagte treffend von sich, er sei „ein Vorläufer und ein
Opfer“. Nur
wenige Jahre darauf fegte die Reformation wie ein Sturm über
Europa hinweg. Ein entzweites Haus Als
schließlich der Sturm
der Reformation losbrach, zertrümmerte er das religiöse Haus
der Christenheit
in Westeuropa. Einst war Westeuropa fast ganz von der
römisch-katholischen
Kirche beherrscht, doch nun wurde es gespalten. Italien, Spanien,
Österreich
und Teile von Frankreich blieben hauptsächlich katholisch. Die
Bevölkerung des
übrigen Europa gehörte drei verschiedenen Konfessionen an: In
Deutschland und
Skandinavien war sie lutherisch; in der Schweiz, in den Niederlanden,
in Schottland
und in gewissen Gebieten Frankreichs kalvinisch (oder reformiert) und
in
England anglikanisch. Dazwischen verstreut gab es noch andere,
kleinere, aber
radikalere Gruppen wie die Wiedertäufer (Anabaptisten) und
später die
Mennoniten, die Hutterer und die Puritaner, die ihren Glauben nach
Nordamerika
mitnahmen. Im
Laufe der Jahre
zersplitterten diese Hauptgruppen in die Hunderte von Denominationen,
die es
heute gibt: Presbyterianer, Episkopale, Methodisten, Baptisten,
Kongregationalisten, um nur einige wenige zu nennen. Die Christenheit
wurde
wahrhaftig ein entzweites Haus. Wie kam es zu einer solchen Entzweiung? Luther und seine
Thesen
Martin
Luther war ein Mönch
und Gelehrter wie Wyclif und Hus. Ferner war er Doktor der Theologie
und
Professor der Schriftauslegung an der Universität in Wittenberg.
Luther war
berühmt für sein Verständnis der Bibel. Er dachte nicht
an eine Loslösung von
der katholischen Kirche, obschon er eine feste Überzeugung hatte
in bezug auf
das Thema Rechtfertigung durch den Glauben und nicht durch Werke oder
das
Verrichten von Buße. Er publizierte die Thesen als Reaktion auf
einen
bestimmten Vorfall und nicht, um gegen die Kirche aufzustehen. Sein
Protest
richtete sich gegen den Ablasshandel. Zur
Zeit Luthers wurden die
päpstlichen Ablaßbriefe nicht nur für die Lebenden
verkauft, sondern auch für
die Verstorbenen. „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem
Fegfeuer
springt“, lautete ein Sprichwort. Für das allgemeine Volk wurde
ein Ablassbrief
fast eine Versicherung gegen Strafe für jede Sünde, und die
Reue trat völlig
zurück. „Überall wird Nachlass der Fegfeuerqualen verkauft“,
schrieb Erasmus,
„er wird aber nicht nur verkauft, sondern er wird denen, die ihn
ablehnen,
sogar aufgezwungen.“ Im
Jahre 1517 kam der
Dominikanermönch Johannes Tetzel nach Jüterbog in der
Nähe von Wittenberg, um
Ablassbriefe zu verkaufen. Das Geld, das so einging, diente zum Teil
der
Finanzierung des Neubaus der Peterskirche in Rom, und zum Teil erhielt
es
Albrecht von Brandenburg, damit er das geborgte Geld, das er für
das Amt des
Erzbischofs von Mainz der Kurie hatte bezahlen müssen,
zurückgeben konnte.
Tetzel bot seine ganze Redegewandtheit auf, und das Volk strömte
herbei. Luther
war empört, und er benutzte das rascheste Mittel, um
öffentlich seine Meinung
über den ganzen Ablasszirkus kundzutun — er schlug an die Tür
der Wittenberger
Schlosskirche 95 Sätze gegen den Ablass an, die er zur
Erörterung stellte. Luther
sagte von seinen 95
Thesen, sie seien zur Disputation gestellt, um die Kraft des Ablasses
zu
klären. Er hatte nicht die Absicht, die Autorität der Kirche
herauszufordern,
sondern er wollte nur auf die Übertreibungen und Missbräuche
des Handels mit
den päpstlichen Ablässen hinweisen. Das ist aus folgenden
Thesen ersichtlich: „5.
Der Papst will und kann
keine Strafen erlassen, außer solchen, die er auf Grund seiner
eigenen
Entscheidung . . . auferlegt hat. . . . 20.
Daher meint der Papst
mit dem vollkommenen Erlass aller Strafen nicht einfach den Erlass
sämtlicher
Strafen, sondern nur derjenigen, die er selbst auferlegt hat. . . . 36.
Jeder Christ, der
wirklich bereut, hat Anspruch auf völligen Erlaß von Strafe
und Schuld, auch
ohne Ablassbrief.“ Mit
der Hilfe des kurz
vorher erfundenen Buchdrucks gelangte dieses explosive Gedankengut bald
in
andere Teile Deutschlands — und auch nach Rom. Was als akademische
Disputation
über den Ablasshandel begann, wurde bald zum Streit über
Glaubensfragen und die
päpstliche Autorität. Anfänglich verhandelte die Kirche
mit Luther und forderte
ihn auf zu widerrufen. Als Luther sich weigerte, wurden die kirchlichen
und die
staatlichen Obrigkeiten gegen ihn mobil gemacht. 1520 erließ der
Papst eine
Bannbulle gegen Luther, in der er ihm verbot zu predigen und in der er
die
Verbrennung seiner Bücher befahl. Voller Verachtung verbrannte
Luther die
päpstliche Bannbulle öffentlich. Der Papst exkommunizierte
ihn im Jahre 1521. Später
in jenem Jahr musste
Luther vor dem Reichstag, der Versammlung der Reichsstände, in
Worms
erscheinen. Er verantwortete sich vor Karl V., Kaiser des
Römischen Reiches,
einem überzeugten Katholiken, und sechs Kurfürsten sowie
anderen religiösen und
politischen Würdenträgern. Als er erneut aufgefordert wurde
zu widerrufen,
antwortete er mit den berühmten Worten: „Es sei denn, dass ich
durch Zeugnis
der Schrift überwunden werd’ oder aber durch offenbare Gründe
— . . . Deshalben
nichts mag noch will widerrufen, weil wider das Gewissen zu handeln,
unsicher
und gefährlich ist. . . . Gott helfe mir! Amen.“ Demzufolge wurde
über Luther
die Reichsacht verhängt. Doch Kurfürst Friedrich von Sachsen
griff ein und bot
ihm auf der Wartburg eine Zuflucht. Diese
Maßnahmen konnten
indessen nicht verhindern, dass sich Luthers Gedanken ausbreiteten. In
den zehn
Monaten, die Luther verborgen auf der Wartburg zubrachte, verfasste er
Schriften und übersetzte die Bibel. Er benutzte für seine
Übersetzung der
Griechischen Schriften (Neues Testament) den griechischen Text von
Erasmus. Die
Hebräischen Schriften (Altes Testament) folgten später.
Luthers Bibel war genau
das, was das Volk brauchte. Es wurde berichtet, dass „in zwei Monaten 5
000
Exemplare davon verkauft wurden, 200 000 in 12 Jahren“. Diese Bibel hat
einen
ebenso großen Einfluss auf die deutsche Sprache und Kultur
ausgeübt wie die King James Version auf
die englische. In
den Jahren nach dem
Reichstag in Worms gewann die Reformation immer größeren
Anhang, so dass der
Kaiser 1526 jedem Reichsstand erlaubte, selbst zu entscheiden, ob er
lutherisch
oder katholisch sein wolle. Im Jahre 1529 jedoch beantragte der Kaiser,
dass
der Beschluß des Reichstags von 1526 aufgehoben werde, wogegen
einige Fürsten
protestierten; so entstand für die Reformationsbewegung die
Bezeichnung Protestanten.
Im Jahr darauf, 1530, auf dem Reichstag in Augsburg, bemühte sich
der Kaiser,
die beiden Parteien zu versöhnen. Die Lutheraner legten ihre
Glaubenssätze im
sogenannten Augsburger Bekenntnis dar, verfasst von Philipp
Melanchthon, doch
gestützt auf die Lehren Luthers. Obschon das Dokument in
höchst versöhnlichem
Ton abgefasst war, lehnte es die katholische Kirche ab, und der Bruch
zwischen
dem Protestantismus und dem Katholizismus wurde
unüberbrückbar. Viele deutsche
Fürsten stellten sich auf die Seite Luthers, und in Skandinavien
tat man
dasselbe.
In
welchen grundsätzlichen
Punkten waren die Protestanten und die Katholiken uneins? Nach Luther
waren es
drei: Erstens glaubte Luther, dass das Heil die Folge der
„Rechtfertigung
allein durch den Glauben“ sei (lateinisch: sola fide)
und nicht
der priesterlichen Absolution oder von Werken der Buße. Zweitens
glaubte er,
dass Vergebung nur durch die Gnade Gottes (sola gratia)
erlangt
werde und nicht durch die Macht von Priestern oder Päpsten.
Drittens behauptete
Luther, dass alle Lehrpunkte in der Heiligen Schrift bezeugt werden
müssten (sola scriptura) und nicht von
Päpsten oder Konzilien. Luther
hat aber dennoch,
wie die Catholic Encyclopedia schreibt, „alles vom
alten Glauben
und der alten Liturgie beibehalten, was zu seiner eigenartigen
Auffassung von
Sünde und Rechtfertigung passte“. Im Augsburger Bekenntnis
heißt es über den
lutherischen Glauben: „Diese Lehre [ist] in der Heiligen Schrift klar
begründet
. . . und außerdem [widerspricht sie] der allgemeinen
christlichen, ja auch der
römischen Kirche, soweit das aus den Schriften der
Kirchenväter festzustellen
ist, nicht.“ Der lutherische Glaube, wie er im Augsburger Bekenntnis
dargelegt
wird, umfasst unbiblische Lehren wie die Dreieinigkeit, die
Unsterblichkeit der
Seele und die ewige Qual sowie Bräuche wie die Kindertaufe und
kirchliche
Feiertage und Feste. Andererseits verlangten die Lutheraner gewisse
Änderungen,
so zum Beispiel, dass den Laien das Abendmahl in beiderlei Gestalt
gereicht
werde und dass das Zölibat, die Klostergelübde sowie der
Beichtzwang
abgeschafft würden. Insgesamt
gesehen, gelang
es durch die Reformation, wie sie von Luther und seinen Anhängern
verfochten
wurde, das päpstliche Joch abzuschütteln. Jesus sagte jedoch
gemäß Johannes
4:24: „Gott ist ein GEIST, und die ihn anbeten, müssen ihn mit
Geist und
Wahrheit anbeten.“ Man kann sagen, dass die Menschheit auf der Suche
nach dem
wahren Gott von Martin Luther an neue Wege ging; doch vom schmalen Weg
der
Wahrheit war man noch weit entfernt (Matthäus 7:13, 14; Johannes
8:31, 32). Zwinglis Reformation in
der Schweiz Während
Luther gegen die
päpstlichen Abgesandten und die staatliche Obrigkeit in
Deutschland kämpfte,
begann Uneinig
waren sich die
beiden Reformatoren in der Frage des Abendmahls oder der Kommunion.
Luther
beharrte darauf, dass Jesu Worte „dies ist mein Leib“ buchstäblich
zu verstehen
seien, dass der Leib und das Blut Christi auf wunderbare Weise in dem
Brot und
dem Wein, die beim Abendmahl gereicht werden, gegenwärtig seien.
Zwingli
dagegen behauptete in seiner Schrift über das Abendmahl, diese
Worte Jesu seien
„symbolisch oder bildlich zu verstehen“; „das ist mein Leib“
heißt „das Brot
bedeutet meinen Leib“ oder „ist ein Sinnbild meines Leibes“. Wegen
dieser
Meinungsverschiedenheit gingen die beiden Reformatoren getrennte Wege. Zwingli
predigte seine
reformatorischen Lehren in Zürich und erreichte dort viele
Veränderungen. Bald
folgten auch andere Städte seiner Führung, aber die
Bevölkerung der ländlichen
„Orte“, konservativ in ihrer Einstellung, hielt zum größten
Teil am
Katholizismus fest. Die Spannungen zwischen den Katholiken und den
Reformierten
wurden so groß, dass es schließlich zum Bürgerkrieg
kam. Zwingli, der das Heer
als Feldgeistlicher begleitete, fiel 1531 in der Schlacht von Kappel
(Kanton
Zürich). Als endlich Frieden geschlossen wurde, versprachen die
reformierten
und die katholischen Kantone, jeden bei seinem Glauben zu lassen. Die Wiedertäufer, die
Mennoniten und die Hutterer Es
gab jedoch Protestanten,
denen die Reformatoren in ihrer Ablehnung der Mängel in der
papistischen Kirche
nicht konsequent genug erschienen. Sie glaubten, dass die christliche
Kirche
nur aus den praktizierenden Gläubigen bestehen sollte, die sich
taufen lassen
würden, und nicht aus der ganzen Bevölkerung einer Gemeinde
oder eines Landes.
Sie verwarfen daher die Kindertaufe und forderten die Trennung von
Kirche und
Staat. Heimlich tauften sie Mitgläubige, und so erhielten sie den
Namen
Wiedertäufer (Anabaptisten; das griechische Wort ana
bedeutet „wieder“).
Weil sie es ablehnten, Waffen zu tragen, zu schwören und
obrigkeitliche Ämter
zu übernehmen, galten sie als eine Gefahr für die
Gesellschaft und wurden
sowohl von den Katholiken als auch von den Protestanten gehasst und
verfolgt. Anfänglich
lebten die
Wiedertäufer in kleinen Gruppen, die über die Schweiz,
über Deutschland und die
Niederlande zerstreut waren. Da sie ihren Glauben überall, wohin
sie gingen,
predigten, wuchs ihre Zahl schnell. Eine Gruppe Wiedertäufer, von
religiösem
Eifer ergriffen, gab ihre pazifistische Einstellung auf und brachte
1534 die
Stadt Münster in ihre Gewalt. Sie versuchte, ein Neues Jerusalem
zu errichten,
in dem Gütergemeinschaft und Polygamie herrschen sollten. Diesem
Regiment wurde
brutal ein schnelles Ende bereitet. Doch das Ganze schadete dem Ansehen
der
Wiedertäufer sehr, und sie wurden so gut wie ausgerottet. Aber in
Wirklichkeit
waren die meisten Wiedertäufer einfache, fromme Menschen, die sich
bemühten,
ein stilles und ruhiges Leben zu führen. Besser organisiert als
die
Wiedertäufer waren die Mennoniten, die aus ihnen hervorgingen,
Anhänger des
niederländischen Reformators Menno Simons, und die Hutterer unter
dem Tiroler
Jakob Huter. Um einer Verfolgung zu entgehen, wanderten einige von
ihnen nach
Osteuropa aus — nach Polen, Ungarn und Rußland —, andere nach
Nordamerika, wo
aus ihnen schließlich die Gemeinden der Hutterer und der Amischen
hervorgingen. Die Entstehung des
Kalvinismus
In
der Institutio
legte er auch seine Theologie dar. Gott ist für Calvin der
absolute Souverän,
dessen Wille alles bestimmt und beherrscht. Der Mensch dagegen ist
sündig und
völlig unwürdig. Das Heil ist deshalb nicht von den guten
Werken des Menschen
abhängig, sondern von Gott — das erklärt Calvins
Prädestinationslehre, über die
er schrieb: „Was
also die Schrift klar
zeigt, sagen wir: daß durch einen ewigen und
unveränderlichen Ratschluß Gott
einmal festgesetzt hat, welche er einst einmal zum Heile annehmen,
umgekehrt,
welche er dem Untergang weihen wollte. Wir behaupten, daß dieser
Ratschluß,
sofern er sich auf die Erwählten bezieht, in seiner gnädigen
Barmherzigkeit
ohne irgendwelche Rücksicht auf menschliche Würdigkeit
begründet ist. Denen
aber, die er der Verdammnis überantwortet, wird durch einen
freilich gerechten
und unanfechtbaren, aber unverstehbaren Richterspruch Gottes selbst der
Zugang
zum Leben verschlossen.“ Die
Strenge einer solchen
Lehre spiegelt sich auch auf anderen Gebieten wider. Gemäß
Calvin müssen
Christen ein heiliges und tugendhaftes Leben führen. Sie
müssen sich nicht nur
der Sünde, sondern auch der Genüsse und jeglicher
Leichtfertigkeit enthalten.
Ferner erklärte er, dass die Kirche, die aus den Erwählten
bestehe, von allen
staatlichen Restriktionen befreit werden müsse und dass nur durch
die Kirche
eine wahrhaft gottgefällige Gesellschaft errichtet werden
könne. Kurz
nachdem Calvin seine Institutio
veröffentlicht hatte, wurde er von Guillaume Farel (ebenfalls ein
Reformator
aus Frankreich) überredet, sich in Genf niederzulassen. Gemeinsam
bemühten sie
sich, den Kalvinismus zu verwirklichen. Sie beabsichtigten, aus Genf
eine Stadt
Gottes zu machen, eine Theokratie oder Gottesherrschaft, indem die
Aufgaben der
Kirche und des Staates miteinander vereint wurden. Sie erließen
für alles
strenge Vorschriften, die bei Nichtbeachtung Strafen nach sich zogen,
angefangen von der religiösen Unterweisung und dem Gottesdienst in
der Kirche
bis hin zu der öffentlichen Moral, ja sogar für solche Dinge
wie
Gesundheitswesen und Brandschutz. In einem Geschichtswerk wird
berichtet, dass
„eine Friseuse zum Beispiel zwei Tage ins Gefängnis mußte,
weil sie eine Braut
in einer Weise frisiert hatte, die als unziemlich empfunden wurde,
ebenso
erging es der Mutter und zwei Freundinnen, die der Friseuse geholfen
hatten.
Der Stadtrat bestrafte auch Tanzen und Kartenspielen.“ Hart ging man
mit denen
um, die Calvins Theologie widersprachen. Der berüchtigtste Fall
ist der des Spaniers
Miguel Serveto (Michel Servet), der verbrannt wurde Calvin
vertrat in Genf bis
zu seinem Tod im Jahre 1564 sein reformiertes Bekenntnis, und die
reformierte
Kirche wurde fest begründet. Protestantische Reformatoren, die
anderswo
verfolgt wurden, kamen nach Genf, lernten die Lehren Calvins kennen und
riefen
dann reformatorische Bewegungen in ihren Heimatländern ins Leben.
Der
Kalvinismus verbreitete sich bald in Frankreich, wo die Hugenotten
(Bezeichnung
für die französischen kalvinistischen Protestanten) von den
Katholiken grausam
verfolgt wurden. In den Niederlanden trugen die Kalvinisten zur
Gründung der
Niederländischen Reformierten Kirche bei. In Schottland wurde
unter der Führung
eines ehemaligen Priesters, des eifrigen John Knox, die kalvinistisch
ausgerichtete presbyterianische Kirche von Schottland gegründet.
Der
Kalvinismus spielte auch bei der Reformation in England eine Rolle, und
von
dort aus wurde er durch die Puritaner nach Nordamerika getragen. Man
kann
sagen, dass Calvin einen größeren Einfluß auf die
Entwicklung der Reformation
hatte als Luther, obschon Luther sie in Gang setzte. Die Reformation in
England Die
Reformation in England
war keine Folge der reformatorischen Bewegungen in Deutschland und in
der
Schweiz, vielmehr wurzelte sie in der Zeit John Wyclifs, der durch
seine
Predigten gegen den Klerus und dadurch, dass er der Bibel große
Wichtigkeit
beimaß, den protestantischen Geist in England geweckt hatte. Er
hatte begonnen,
die Bibel ins Englische zu übersetzen, und andere folgten seinem
Beispiel.
William Tyndale, der aus England fliehen musste, schuf im Jahre 1526
sein Neues
Testament. Er wurde später in Antwerpen verraten, worauf man ihn
erdrosselte
und seine Leiche verbrannte. Miles Coverdale vollendete Tyndales
Übersetzung, und
im Jahre 1535 erschien dann die gesamte Bibel. Die
Veröffentlichung der Bibel
in der Sprache des Volkes trug zweifellos am meisten dazu bei, dass es
in
England zu einer Reformation kam. Zum
formellen Bruch mit dem
römischen Katholizismus kam es, als Heinrich VIII. (1491—1547),
dem der Papst
den Titel Beschützer des Glaubens verliehen hatte, sich im Jahre
1534 durch die
Suprematsakte zum Oberhaupt der Kirche von England machte. Heinrich hob
auch
die Klöster auf und verteilte ihren Besitz unter die Adligen.
Außerdem befahl
er, in jede Kirche eine Bibel in englischer Sprache zu legen. Heinrichs
Vorgehen war indessen eher politisch als religiös motiviert. Er
wollte von der
päpstlichen Autorität unabhängig sein, besonders in
bezug auf seine ehelichen
Angelegenheiten. Er blieb, abgesehen vom Namen, durch und durch
Katholik. Erst
während der langen
Regierungszeit (1558—1603) Elisabeths I. wurde die Kirche von England
in bezug
auf das Glaubensbekenntnis und die Verkündigung protestantisch, in
bezug auf
die Verfassung blieb sie aber weitgehend katholisch. Sie löste
sich vom Papst,
schaffte das Zölibat, die Ohrenbeichte und andere katholische
Bräuche ab,
behielt indessen die bischöfliche Verfassung mit ihren
Erzbischöfen, Bischöfen
sowie den Mönchs- und Nonnenorden bei. Dieses Festhalten am Alten
rief eine
beträchtliche Unzufriedenheit hervor, und so entstanden
verschiedene
abweichende Gruppen. Die Puritaner forderten eine durchgreifendere
Reform, um
die Kirche von allen katholisierenden Elementen zu reinigen; die
Separatisten
und die Independenten bestanden darauf, dass die einzelnen Gemeinden
von
örtlichen Ältesten (Presbytern) geleitet wurden. Viele der
Dissenters flohen in
die Niederlande oder nach Nordamerika, wo sie ihre
Kongregationalistenkirchen
und ihre baptistischen Kirchen aufbauten. In England entstanden auch
die
Gesellschaft der Freunde (Quäker) unter George Fox (1624—1691) und
die
Methodisten unter John Wesley (1703—1791) Wie hat sich die
Reformation ausgewirkt? Nachdem
wir die drei großen
Richtungen der Reformation — Lutheraner, Kalvinisten und Anglikaner —
besprochen haben, müssen wir uns überlegen, was die
Reformation erreicht hat.
Unzweifelhaft ist die Geschichte der westlichen Welt durch sie
verändert
worden. „Die Reformation hat bei den Menschen einen Freiheitsdurst
hervorgerufen und hat sie zu besseren Bürgern gemacht. Wo sich der
Protestantismus ausgebreitet hat, haben die Massen stärker auf
ihre Rechte
gepocht“, schrieb John F. Hurst in seinem Buch Short History
of the Reformation. Viele Gelehrte sind
überzeugt, dass es ohne die
Reformation die westliche Zivilisation, die wir heute haben, nicht
gäbe. Aber
trotz allem müssen wir uns fragen: Was hat die Reformation in religiöser
Hinsicht erreicht? Was hat sie in bezug auf die Suche der Menschheit
nach dem
wahren Gott bewirkt? Die
wertvollste Leistung
der Reformation ist zweifellos, dass sie dem Volk die Bibel in seiner
Sprache
zugänglich gemacht hat. Zum erstenmal konnten die Menschen das
ganze Wort
Gottes lesen und sich dadurch geistig ernähren. Aber
natürlich ist mehr nötig,
als die Bibel zu lesen. Hat die Reformation die Menschen sowohl vom
päpstlichen
Joch als auch von Irrlehren und den irrigen Dogmen, die sie
jahrhundertelang
glauben mussten, befreit? (Johannes 8:32). Fast
alle protestantischen
Kirchen halten an den drei Glaubensbekenntnissen fest: dem Nizäum,
dem
Athanasianum und dem Apostolikum, in denen zum Beispiel die
Dreieinigkeit, die
unsterbliche Seele und das Höllenfeuer bekannt werden —
jahrhundertealte Lehren
des Katholizismus. Diese unbiblischen Lehren vermittelten den Menschen
ein
falsches Bild von Gott und seinem Vorsatz. Anstatt den Menschen bei
ihrer Suche
nach dem wahren Gott zu helfen, haben die zahlreichen Sekten und
Denominationen, die als Folge des freien Geistes der protestantischen
Reformation entstanden sind, sie in die verschiedensten Richtungen
gelenkt. Die
Unterschiedlichkeit und Verwirrung hat sogar viele veranlasst, an der
Existenz
Gottes zu zweifeln. Das Ergebnis? Die Entstehung einer atheistischen
und
agnostizistischen Strömung im 19. Jahrhundert. Das wird das Thema
unseres
nächsten Kapitels sein. |